Feldenkrais

Dr. Moshe Feldenkrais beim Amherst Training © International Feldenkrais® Federation Archive.

Wir handeln nach dem Bild, das wir uns von uns selbst machen. Ich esse, gehe, spreche, denke, beobachte, liebe nach der Art, wie ich mich empfinde. Dieses Ich-Bild, das einer sich von sich macht, ist teils ererbt, teils anerzogen; zu einem dritten Teil kommt es durch Selbsterziehung zustande.

Moshe Feldenkrais

13. Grundprinzipien

  1. Bewegung als Ansatz, um die vier untrennbar verbundenen Teile: Fühlen, Denken, Spüren und Bewegung zu verbessern.
  2. Dynamische Stabilität – Gute Haltung ist die Fähigkeit, sich ohne zu zögern und ohne Vorbereitung in jede Richtung zu bewegen.
  3. Unterstützung des Skeletts: Die Knochen unterhalb bewegen sich, um die Knochen oberhalb zu unterstützen.
  4. Gleichmässig verteilte(r) muskuläre(r) Arbeit/Tonus: Grosse Muskeln leisten grosse, kleine Muskeln kleine Arbeit.
  5. Drittes Newton’sches Axiom: Jede beschleunigte Bewegung gegen die Schwerkraft wird durch eine entsprechende Gegenkraft gegen den Boden ausgelöst.
  6. Kraft wird der Länge nach durch das Skelett transferiert.
  7. Kopf und Augen sind frei beweglich.
  8. Die Atmung ist in jeder Aktivität frei.
  9. Reversibilität: Die Fähigkeit eine Bewegung an jedem beliebigen Punkt anzuhalten und umzukehren.
  10. Differenzierte Bewegungen und eine differenzierte Selbstwahrnehmung ermöglichen einen effektiven und effizienten Selbstgebrauch.
  11. Webber-Fechner Gesetz: Bei kleinem Kraftaufwand ist es einfacher eine Veränderung des Kraftaufwands wahrzunehmen.
  12. Agonisten und Antagonisten sind neurologisch verbunden.
  13. Organisches Lernen ermöglicht nachhaltige Veränderungen.

Viele unserer physischen und psychischen Mängel sollten weder als behandlungsbedürftige Krankheiten betrachtet werden, noch als schicksalhafte Charaktereigenschaften, denn beides trifft nicht zu. Sie sind nur das Ergebnis eines erlernten Fehlverhaltens. Der Körper führt nur das aus, was das Nervensystem ihm befiehlt. Eine falsche Art des Stehens und Gehens führt zu Plattfüßen, das bedeutet, dass die Geh- und Stehweise korrigiert werden muss und nicht die Füße.

Moshe Feldenkrais

Moshe Feldenkrais beim Judo in Frankreich

Über die Methode

Die Feldenkrais-Methode ist eine Bewegungslehre und Methode zur Selbsterziehung, die durch die Schulung der Bewusstheit darüber, „wie“ man sich bewegt, grundlegende menschliche Funktionen verbessert, Schmerzen reduziert und zu allgemein leichten und angenehmer empfundenen Bewegungen führt. Die Methode findet internationale Anwendung in den Bereichen der Gesundheitsvorsorge, Schmerzbewältigung, (Neuro)-Rehabilitation, Psychosomatik, sowie zur Verbesserung des Körperausdrucks und der Bewegungsqualität in den Bereichen Tanz, Schauspiel, Musik und Sport. Ein weiterer wichtiger Anwendungsbereich ist die Arbeit mit Kindern mit körperlicher und kognitiver Beeinträchtigung zur Unterstützung in der motorischen und kognitiven Entwicklung.

Die Feldenkrais Methode ist benannt nach ihrem Begründer Dr. Moshé Pinchas Feldenkrais. Sein Interesse galt dem Menschen und dem Leben im weitesten Sinn, der Arbeitsweise des Nervensystems, der Bewegung und dem organischen Lernen. Feldenkrais verstand den Menschen als ein sich selbst regulierendes System.

Ein gesunder Mensch zeichnete sich nach seiner Auffassung dadurch aus, dass er über die Fähigkeit zur Selbstorganisation und zur Selbstregulation, auch Homöostase genannt, verfügt, um auch nach einer „Schocksituation“, einer Störung, wieder zu seiner üblichen Lebensweise zurückzufinden. Diese Sichtweise auf Gesundheit wird heute als Genesungskompetenz und Resilienz bezeichnet. Moshé Feldenkrais vertrat die Ansicht, dass Körper und Geist, Struktur und Funktion untrennbare Einheiten sind und entwickelte auf dieser Grundannahme seine Methode. Nach Feldenkrais beinhaltet jede menschliche Handlung immer vier untrennbare Bestandteile: Bewegung, Sinnesempfindung, Gefühle und Denken. Eine Einflussnahme auf einen dieser Teile wird eine Veränderung im Ganzen nach sich ziehen.

Feldenkrais wählte die menschliche Bewegung als Zugangsweg für Veränderungen, weil Bewegung die unmittelbarste Äusserung von Leben ist und jeder Mensch über das bewusste Erleben der eigenen Bewegung angesprochen werden kann. Die Bewegung, verbal angeleitet (Bewusstheit durch Bewegung) oder manuell vermittelt (Funktionelle Integration), dient als Informationsquelle für die Umgestaltung bzw. Umorganisation sensomotorischer Regelkreise im Gehirn. Feldenkrais ging von einem sehr grossen Entwicklungspotential des menschlichen Gehirns aus, welches durch die Auseinandersetzung mit der eigenen Bewegung besser genutzt und lebenslang erweitert werden kann.

Der heutige Wissensstand der Neurologie bestätigt Feldenkrais’ Theorien.

Chronische Beschwerden, die sich aufgrund verschiedenster Faktoren (Krankheiten, Fehlbelastung, Unfälle, psychomotorische Fehlentwicklungen etc.) im Lauf des Lebens entwickelt haben, sind durch dieses bewusste Erleben der eigenen Bewegung veränderbar. Mit dem bewussten Erfahren der eigenen Bewegung ist nicht nur eine Veränderung der körperlichen Strukturen im Sinne einer Tonusregulierung der Skelettmuskulatur verbunden, auch die anderen drei Bereiche Sinnesempfindung, Gefühle und Denken werden beeinflusst.

Der amerikanische Wissenschaftler und Feldenkrais Lehrer Ralph Strauch fasst die Methode treffend zusammen:

„Die Feldenkrais Methode ist eine einzigartige Form neuromuskulärer Umerziehung, in der sanfte Bewegungen und gelenkte Aufmerksamkeit dazu benutzt werden, um die Selbstbewusstheit eines Menschen zu erhöhen und das Selbstbild, auf welchem Bewegung basiert, zu vervollkommnen. Die gelernten Lektionen können sich generalisieren und zu einer Verbesserung in allen Lebensaspekten führen.“

(Strauch, R.: Selbstbeschreibungsprozesse: Oder wie definieren wir die Feldenkrais Methode, Feldenkrais Gilde e.V., Köln/Bielefeld 1986)

Die Feldenkrais Methode kann auf zweierlei Weisen erfahren werden:
•Einzelstunden in „Funktionaler Integration“
•Gruppenstunden in „Bewusstheit durch Bewegung“

Siehe Angebot

Quelle: SFV Schweizerischer Feldenkrais-Verband/Feldenkrais Network International e.V., Methodenidentifikation zu Handen OdA KT, Zürich, Juli 2016

Moshé Pinchas Feldenkrais wurde 1904 in Slavuta (damals russisch, heute ukrainisch) geboren. Gleich nach dem ersten Weltkrieg wanderte er als Vierzehnjähriger allein ins damalige Palästina aus. Nach dem Abitur studierte er Mathematik und Vermessungstechnik. Feldenkrais interessierte sich für Selbstverteidigung und machte erste Erfahrungen mit Jiu-Jitsu. Auf dieser Basis entwickelte er bereits eine erste eigene Trainingsform und veröffentlichte 1931 ein Buch darüber (Jiu-Jitsu and Self Defence). 1930 ging Feldenkrais nach Paris, um an der Hochschule für Ingenieurswesen Mechanik und Elektrotechnik zu studieren. Nach dem Abschluss setzte er seine Studien an der Sorbonne fort und schloss diese mit einem Doktortitel im Ingenieurswesen ab. Parallel dazu arbeitete er am Radium Institut als Forschungsassistent unter Frédéric Joliot-Curie.

Feldenkrais lernte in Paris bei Jigoro Kano Judo und erhielt als einer der ersten Europäer 1936 den schwarzen Gürtel und gründete den Pariser Judo Club. Die Philosophie von Jigoro Kano, durch Judo Körper und Geist zu schulen, hat Feldenkrais sehr geprägt und die Entwicklung seiner eigenen Therapie beeinflusst. In den 1940er Jahren verschlimmerte sich eine Knieverletzung, die er sich in jüngeren Jahren beim Fussball spielen zugezogen hatte. Er konnte nur mit Schmerzen und unter grossen Schwierigkeiten laufen. Die Ärzte gaben ihm wenig Hoffnung, je wieder beschwerdefrei gehen zu können. Operieren lassen wollte sich Feldenkrais nicht, da ein gewisses Risiko bestand, dass das Knie dabei eventuell steif werden könnte. So beschloss er, das Problem selbst anzugehen. Dabei halfen ihm seine langjährige Erfahrung im Judo und Jiu-Jitsu sowie sein Verständnis von Physik, Ingenieurwissenschaften, Neurobiologie und deren praktische Umsetzung in Bewegung. Zusätzlich studierte er funktionale Anatomie, die Funktionsweise des Nervensystems und Verhaltensforschung.

Doch obwohl Feldenkrais als Universalgelehrter bezeichnet werden kann, entwickelte er seine Methode aufgrund von eigener praktischer Erfahrung. Er begann sein Bewegungsverhalten genau zu erforschen und entdeckte, dass er oft wochenlang keine Probleme mit dem Knie hatte und dann schlagartig wieder Schmerzen und Schwellungen auftraten. Achtsame Eigenbeobachtung und viele kleine mit Bewusstheit ausgeführte Experimente mit seiner eigenen Bewegung führten schliesslich dazu, dass er sein Knie wieder beschwerdefrei gebrauchen konnte. In jahrzehntelanger Forschung entwickelte er so die nach ihm benannte Feldenkrais Methode, die mit Bewegung als Grundlage des menschlichen Denkens, Handelns und Fühlens arbeitet. Als Basis der Methode hat er dabei immer das „organische Lernen“ verstanden. Aus diesen Forschungen resultieren auch unzählige Artikel, Interviews, Bewegungslektionen, sowie umfassende Fachliteratur, die den Feldenkrais-LehrerInnen noch heute als Basiswissen zur Verfügung stehen.

Ein Teil des wichtigsten Materials steht aus fachlichen Gründen ausschliesslich graduierten LehrerInnen zur Verfügung. Dazu gehören unter anderem die Transkriptionen der (ursprünglich auf Tonband aufgenommenen) „Alexander Yanai Lektionen“. Es handelt sich um eine Sammlung von über 500 Bewegungslektionen, die auch heute noch als Basis der praktischen Arbeit verwendet werden.

Dr. Moshé Pinchas Feldenkrais verstarb am 1.Juli 1984 in Tel Aviv.

Hinweis

Das Praktizieren der Feldenkrais-Methode ersetzt keine professionelle Untersuchung/Behandlung bei physischen oder psychischen Erkrankungen. Besprechen Sie in diesem Fall mit der behandelnden Fachperson, ob die Feldenkrais-Methode komplementär im Rahmen einer Therapie zur Anwendung kommen soll.